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Trialog im Film: Raum 4070
Tagungsberichte vom 3. Gesamttreffen der Psychoseseminare aus Deutschland, Liechtenstein, Österreich, Polen und der Schweiz vom 15. und 16. Juni 2007 in Potsdam finden Sie hier:
Tagungsbericht von Jürgen Bombosch
Tagungsbericht von Dagmar Hasse
Informationen zu den unterschiedliche Blickwinkeln der am Trialog beteiligten Gruppen finden Sie in der “Blauen Broschüre”.
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Dialog nach David Bohm:
Anregende Gedanken für das miteinander Reden
Der Physiker David Bohm (1917 - 1992) hat sich in seiner letzten Schaffensperiode intensiv mit dem Dialog beschäftigt.
Während es in einer Diskussion (lateinisch von discutere = zerschlagen, zerteilen, zerlegen) darum geht, die Ganzheit auseinanderzunehmen, zu sezieren, hat Dialog (griechisch von Dia = durch, Logos = Wort) für Bohm die Bedeutung eines "freien Sinnflusses, der unter uns, durch uns hindurch und zwischen uns fliesst". Es geht also um Partizipation, um Teilhaben, sich beteiligen, miteinander denken.
Zuhören: ich muss zuerst mir selber zuhören, bevor ich anderen zuhören kann: welche inneren Bewegungen, Gedanken und Bewertungen entstehen in mir, wenn ich zuhöre?
Wenn ein anderer erst 2 Sätze gesagt hat, fangen wir an, innerlich zu argumentieren, eine Entgegnung vorzubereiten, zuzustimmen oder abzulehnen, zu bewerten.
Wenn ich diese Bewegungen wahrnehmen kann, wird es möglich, diese automatischen inneren Reaktionen etwas beiseitezustellen, um das, was ich höre, wirklich bei mir ankommen zu lassen. Das ist dann wirkliches zuhören: nämlich dem anderen statt mir selber.
Zuhören bedeutet, aus einem inneren Schweigen heraus etwas auf sich wirken zu lassen.
Partizipieren: wenn ich wirklich zuhöre, kann ich teilhaben an etwas Grösserem, ich kann teilhaben am Wesen meiner Gesprächspartnerin, meines Gesprächspartners, und wir können in einen gemeinsamen, erfrischenden Fluss von Austausch eintreten, der im Moment entsteht und nicht aus der Erinnerung erzeugt ist. Das ist Teilhaben am Sein an sich
Artikulieren heisst, die eigene, authentische Sprache finden und seine eigene Wahrheit aussprechen. Wir versuchen im Dialog, von dem zu sprechen, was uns wirklich bewegt. Intellektuelle Höhenflüge, abstrakte Abhandlungen und Selbstdarstellungen führen nicht weiter.
Respektieren: (lateinisch re-spectere: erneut hinschauen, beobachten) bedeutet, auf Abwehr, Schuldzuweisung, Abwertung und Kritik zu verzichten. Alle dürfen so sein, wie sie sind. Jede Idee, jede Meinung ist genauso richtig und legitim wie meine eigenen Ideen.
'Mentale Modelle': wir reagieren alle aus inneren Annahmen und Entwürfen heraus auf die Menschen und die Welt. Diese inneren mentalen Modelle steuern unser Handeln, und wir interpretieren und verstehen Wahrgenommenes mit Hilfe unserer mentalen Modelle. Der Konstruktivismus geht davon aus, dass jede Person ihre Realität selber schafft. Wir machen laufend Konstrukte, Annahmen über die Welt und das Leben, aber wir erkennen es nicht als Annahmen, sondern wir sagen, dass die Welt so ist, wie wir sie verstehen. Im Grunde kann man sagen, dass es so viele Welten gibt, wie es Menschen gibt. Natürlich brauchen wir geteilte Definitionen, Erfahrungen und Realitäten, damit wir uns verständigen können. Aber diese gemeinsame, geteilte Realität ist nur eine dünne Schicht, dünner als wir denken.
Ein Spezialfall der mentalen Modelle ist das, was wir in der Psychologie unter 'Charakterstrukturen' zusammenfassen: Wir wissen, dass Menschen ganz unterschiedliche Entwürfe über sich selber, über die Welt und über die wichtigen Themen des Lebens entwickeln. Die Menschen leben in grundsätzlich unterschiedlichen Erfahrenswelten. Diese Welten sind so verschieden, dass wir davon sprechen, dass die Menschen auf unterschiedlichen Planeten leben mit unterschiedlicher Atmosphäre, unterschiedlichen Formen, Regeln, Grunderfahrungen, Lebensthemen.
Es macht einen grundlegenden Unterschied, ob uns die Grundfrage nach der eigenen Existenzberechtigung bestimmt, oder ob sich unser Erleben vor allem um die Frage nach 'Austausch', 'zuwenig' und 'zuviel' dreht, oder ob wir uns vor allem damit beschäftigen, was wirklich ist, wer wir wirklich sind, und was die Menschen wirklich über uns denken. Das heisst, dass wir nicht einmal in unseren intimsten Beziehungen davon ausgehen können, dass wir uns einfach verstehen. Es ist auch in nahen Beziehungen wichtig und notwendig, immer wieder zu fragen, wie das Gegenüber etwas erlebt und versteht. Denn wir wissen in der Regel nichts von diesen unterschiedlichen Planeten und gehen im Kontakt davon aus, dass alle anderen auf dem gleichen Planeten wie wir selber leben und deshalb die Welt gleich verstehen wie wir.
Zu den Charakterstrukturen gehören auch Muster, die wir 'Selbstverengungen' nennen: wir alle entwickeln bestimmte Kommunikationsmuster, die den Fluss eines Gespräches empfindlich stören können. Wenn jemand in einem Gespräch plötzlich innerlich eng wird, und seine ganze Aufmerksamkeit dreht sich um die Frage, wie gut er ist, ob sein Beitrag besser oder schlechter als der Beitrag eines anderen ist, bleibt nicht mehr viel Raum für Zuhören und Erkunden. Oder wenn die anderen plötzlich nur noch Freunde oder Feinde sind, hört gemeinsames Denken auf. Es ist für den Dialog hilfreich, auch auf solche persönlichen Muster zu achten und sie mit der Zeit zu erkennen. Dann können wir etwas mehr innere Distanz dazu erreichen.
Suspendieren (lateinisch: herabhängen; indogermanisch: spenn: spinnen, ziehen, etwas so aufspannen, das es sichtbar wird wie ein Spinnennetz vor einem Fenster) bedeutet, "die eigene Meinung weder zu unterdrücken noch stur dafür zu plädieren, sondern auf eine Weise vorzutragen, die es einem selbst und anderen ermöglicht, sie wahrzunehmen und zu begreifen. Suspendieren heisst, auftauchende Gedanken und Gefühle zur Kenntnis zu nehmen und zu beobachten, ohne zwangsläufig danach handeln zu müssen." (Isaacs) Wenn wir unser 'Wissen' als Konstrukte erkennen, können wir im Suspendieren unsere Annahmen und Bewertungen sichtbar machen, sie veröffentlichen, sie vor uns 'aufhängen', sie so in der Schwebe halten und suspendieren: "das ist meine Meinung, meine Haltung zum Thema, und ich halte diese mal in der Schwebe und lasse mich weiter auf das ein, was da gesagt wird".
Erkunden: eine Haltung von Neugierde, Achtsamkeit und Bescheidenheit ermöglicht, Fragen zu stellen, die uns wirklich bewegen. Und gemeinsam zu erkunden und etwas zu entwickeln, das vorher noch nicht da war und alleine nicht möglich gewesen wäre.
Verlangsamen: um uns in dieser Art selber beobachten zu können, ist es nötig, den Prozess zu verlangsamen. Dann können wir beobachten, welche Reflexe, Reaktionen, Wertungen, Gedanken und Erinnerungen auf eine Aussage einer anderen Person in uns ausgelöst werden. Im Dialog setzen wir dazu einen Sprechstab ein, um den Redefluss zu verlangsamen. Die Regel ist, dass nur die Person spricht, die den Stab in den Händen hält.
Das Denken beobachten' bedeutet, zu lernen, dass es keine ‘objektive‘ äussere Realität gibt, sondern dass wir die ‘Realität‘ immer aus unseren eigenen inneren Annahmen, Ideen, Haltungen, Wertungen, Urteilen und Vorstellungen heraus wahrnehmen. Wir erzeugen innerlich mit unserem Denken Ideen, Vorstellungen, und dann sagt das Denken, es habe gar nichts gamacht, sondern es nehme nur wahr, was ist. Mit der Zeit erkennen wir, wie das Denken funktioniert, wir realisieren, dass wir mit unseren Gedanken 'Realitäten' erzeugen. Und wir gewinnen mehr Distanz zu unseren 'Sicherheiten' und Überzeugungen. Dann gewinnen wir Unabhängigkeit den eigenen persönlichen Programmierungen gegenüber, aber auch gegenüber von kollektiven Annahmen, die uns als Gruppe oder Gesellschaft verbinden. Und es wird möglich, das Denken kreativer zu nutzen.
Für David Bohm ist das ein zentrales Anliegen des Dialogs: wenn Menschen diese Disziplinen gemeinsam üben, verändert sich die Atmosphäre in der Gruppe, und die Menschen beginnen, gemeinsam zu denken, statt feste Ideen und gut verteidigte Ansichten gegeneinander zu stellen. Und manchmal entsteht dann in der Gruppe etwas, das über die Individuen hinausreicht, ein Aufscheinen des 'Ganzen' oder wie immer man dem sagen will. Plötzlich sind wir nicht mehr getrennte Personen, sondern es wird plötzlich denkbar, dass wir schon immer in einem grossen gemeinsamen Ganzen gelebt haben, und dass es unser Denken ist, das uns zu Einzelindividuen denkt und 'fragmentiert'.
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